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Wiesen

Wiesen sind ein wichtiger Lebensraum für viele Pflanzen, Schmetterlinge, Wildbienen, Heuschrecken, Käfer, Schwebfliegen und andere Insekten. Doch viele Arten unserer Wiesen sind selten geworden oder gar verschwunden. Auf vielen Grünflächen in der Stadt und auf dem Land fliegen keine Schmetterlinge, summen keine Wildbienen und zirpen keine Heuschrecken mehr. Dabei werden viele dieser Flächen nicht für Spiel, Sport und Feierlichkeiten genutzt. Sie könnten ein Lebensraum für viele Pflanzen und Insekten sein.

Dass dem nicht so ist, liegt allein daran, dass diese Grünflächen zu oft und vollständig gemäht werden. Das Dilemma: Eine Wiese muss gemäht werden, um sie als solche zu erhalten. Ansonsten erobern immer höher wachsende Pflanzen die Fläche, schließlich Büsche und Bäume. Eine Wiese existiert dann nicht mehr. Gleichzeitig aber werden durch die Mahd Insekten getötet oder verletzt.

Rasen und Wiesen in Lebensräume für Pflanzen und Insekten verwandeln

Schmetterlingswiese. © Jennifer Wintergerst

Raum und Zeit für die Entwicklung für Insekten schaffen.

Mit zwei einfachen Regeln lässt sich aus einer Wiese ein artenreicher Lebensraum schaffen.

(1) Anzahl der Mahdtermine reduzieren. Damit verlängert sich der zeitliche Abstand zwischen zwei aufeinanderfolgenden Mahdterminen. Pflanzen haben nun mehr Zeit zur Blüte zu gelangen und Samen hervorzubringen. Heuschrecken, Tagfalter und andere Insekten können sich vom Ei bis zum erwachsenen Insekt entwickeln.

Dafür darf eine Wiese nur ein- bis dreimal im Jahr gemäht werden. Die Häufigkeit richtet sich dabei nach der Nährstoff- und Wasserversorgung des Bodens, weil dadurch das Wachstum der Pflanzen beeinflusst wird. Auf einem mageren Sandboden kann eine Mahd im Jahr ausreichend sein, auf einem nährstoffreichen und gut mit Wasser versorgten Lehmboden braucht es bis zu drei Mahdtermine.

(2) Bei jedem Mahdtermin einen Teil der Fläche ungemäht belassen. Hier können sich Eier, Larven und Puppen der Insekten weiterentwickeln sowie Falter und Bienen Pollen und Nektar an den verbleibenden Blumen finden. Von hier aus können die Insekten die gemähte Fläche wieder besiedeln. Bei jeder Mahd wird eine andere Teilfläche ausgelassen. Es ist zu empfehlen, stets 10 bis 30% der Fläche ungemäht zu belassen.

Dies gilt auch für Herbst und Winter, denn die Insekten überwintern auf der Wiese, je nach Art als Ei, Larve, Puppe oder erwachsenes Insekt. Manche von ihnen schlüpfen erst im folgenden Frühjahr oder Sommer, weshalb solche ungemähten Bereiche entsprechend lange bestehen bleiben sollten.

Erklärfilm aus dem Projekt „Puppenstuben gesucht – Blühende Wiesen für Sachsens Schmetterlinge“ © Schnelle Bunte Bilder, 2019.

Die Mahdtechnik

Rotationsmähwerke wie Rasenmäher zerkleinern das Mahdgut und damit auch die Insekten. Sie verursachen in der Regel schon bei nur einer Mahd bis zu 100% Insektenverluste auf der gemähten Fläche. Dennoch, wer mit dieser Technik eine Fläche maximal dreimal im Jahr mäht und bei jedem Mahddurchgang etwa 30% der Fläche ungemäht belässt, kann auf diese Weise schon einen Lebensraum für Insekten schaffen.

Ungeeignet sind hingegen Mulchgeräte. Sie belassen das Mahdgut auf der Fläche, welches Pflanzen und bewegungsunfähige Entwicklungsstadien (Eier und Puppen) der Insekten zudeckt und so Schimmelbildung verursacht.

Die Heuernte

Das Mahdgut verbleibt drei bis maximal sieben Tage auf der Fläche. Während dieser Zeit können Insektenlarven aus der gemähten Fläche in benachbarte, ungemähte Bereiche ausweichen und sich dort weiterentwickeln. Dann folgt die Heuernte. Es ist wichtig, das Mahdgut von der Fläche zu nehmen, damit die Vegetation Luft und Licht bekommt. Kommen Balkenmäher oder Sense und Heuernte zum Einsatz und vermeidet man dabei unnötiges Befahren und Begehen der Fläche, können bis zu 60% der Insekten die Wiesenmahd unbeschadet überleben.

Schmetterlingswiese. © Jennifer Wintergerst

Der Mahdtermin

Der Mahdtermin beeinflusst sehr stark, wie sich die Vegetation auf der Fläche entwickelt. Je später der Termin im Jahr liegt, desto länger und höher können die Pflanzen wachsen. Kleine, lichthungrige Arten werden dabei verdrängt. Die Wiese wird zur Brache. Umgekehrt kann eine frühe Mahd bis zur Gräserblüte dazu beitragen, die Grasdominanz zu brechen und krautige Pflanzen, die Pollen und Nektar für Insekten liefern, zu fördern. Während der trocken-heißen Sommerwochen sollte keine Mahd erfolgen, da die Pflanzen zu dieser Zeit ohnehin schon extremen Bedingungen ausgesetzt sind und eine Schädigung durch die Mahdwerkzeuge in dieser Zeit vermieden werden sollte.

Es funktioniert: Insekten kommen zurück

Nach der Umstellung auf eine partielle Mahd blühen auf den meisten Wiesen schon im ersten Jahr wieder Pflanzen und fliegen die ersten Schmetterlinge. Dies wissen wir von den Beobachtungen, die viele Wiesenpflegerinnen und Wiesenpflegerauf ihren Wiesen in den ersten Jahren des sächsischen Schmetterlingswiesenprojektes machten und in ihrem Blog auf www.schmetterlingswiesen.de mitteilten. In den ersten fünf Projektjahren wurden so für 133 Wiesen 2.735 Beobachtungen für 874 Insektenarten gesammelt.

 Im Jahr 2019 wurden neun Schmetterlingswiesen und neun intensiv gemähte Flächen in Dresden und Umgebung eingehender auf ihre Insektenvielfalt untersucht. Auf jeder Wiese wurden fünf Begehungen durchgeführt und jedes Mal Insekten im Vorwärtsgehen mit 100 Kescherschlägen erfasst. Die mittlere Biomasse von 5 Begehungen pro Wiese betrug auf den Schmetterlingswiesen 1,26–4,51 g und auf den intensiv gemähten Flächen 0,01–0,33 g. Die mittlere Anzahl adulter Insekten (ausgewertet wurden Bienen, Heuschrecken, Käfer, Raubfliegen, Schwebfliegen, Tagfalter und Wanzen) betrug 13,6–24,8 Arten auf den Schmetterlingswiesen und 0–3 Arten auf den intensiv gemähten Flächen. Über alle Insektengruppen hinweg wurden 90 Insektenarten im Larvenstadium nachgewiesen, 88 auf den Schmetterlingswiesen und vier auf den intensiv gemähten Flächen.

 All diese Ergebnisse zeigen, dass durch die Mahdumstellung Lebensräume für Insekten entstehen und alle Biodiversitätsindizes um eine Zehnerpotenz ansteigen. Durch die Nachweise der Larven konnte gezeigt werden, dass sich die Insekten in diesen Lebensräumen vermehren und entwickeln können.

Literatur

  • Bosshard, A. 2016: Das Naturwiesland der Schweiz und Mitteleuropas. – Bristol-Schriftenreihe 50. – Haupt Verlag, Bern. 265 S.
  • Bruppacher, L., J. Pellet, R. Arlettaz & J.-Y. Humbert 2016: Simple modifications of mowing regime promote butterflies in extensively managed meadows: Evidence from field-scale Experiments. – Biological Conservation 196: 196–202.
  • Dietrich, W. & T. Prantl 2019: Puppenstuben für Sachsens Schmetterlinge – Ergebnisse auf fünf Flächen im Mittleren Erzgebirge. – Naturschutzarbeit in Sachsen 59: 32–45.
  • Goldberg. R. 2019: Einmal spät ist nicht genug – späte Nutzungstermine als Problem für den Erhalt artenreicher Wiesen und Weiden. – Naturschutzarbeit in Sachsen 60 (2018): 32–47.
  • Hemmann, K., I. Hopp & H. F. Paulus 1987: Zum Einfluß der Mahd durch Messerbalken, Mulcher und Saugmäher auf Insekten am Straßenrand. – Natur und Landschaft 62 (3): 103–106.
  • Nuß, M. 2018: Puppenstuben gesucht. Seit 2015 macht die Initiative “Puppenstuben gesucht – Blühende Wiesen für Sachsens Schmetterlinge” gegen das Insektensterben mobil. – Senckenberg Natur – Forschung – Museum 148 (10–12): 194–195.
  • Nuß, M. 2019: Citizen Science – Eine Möglichkeit der Nachwuchsgewinnung in der Entomologie? Erfahrungen aus den Projekten „Wo tanzt das Glühwürmchen?“, „Insekten Sachsen“ und „Blühende Wiesen für Sachsens Schmetterlinge.“ S. 45–52. – Heranbildung von Artenkennern. Erfahrungen aus drei Generationen. – Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt & Senckenberg Museum für Tierkunde Dresden.
  • Nuß, M. & D. Lehmann 2022: Fachliche Evaluierung des Mitmachprojektes „Puppenstuben gesucht – Blühende Wiesen für Sachsens Schmetterlinge.“ – Naturschutzarbeit in Sachsen 63: 12–25.
  • Proske, A., S. Lokatis & J. Rolff 2022: Impact of mowing frequency on arthropod abundance and diversity in urban habitats: A meta-analysis. – Urban Forestry & Urban Greening 76: 127714.
  • van de Poel, D. & A. Zehm 2014: Die Wirkung des Mähens auf die Fauna der Wiesen – Eine Literaturauswertung für den Naturschutz. – ANLiegen Natur 36 (2): 36–51.
  • Wastian, L., P. A. Unterweger & O. Betz 2016: Influence of the reduction of urban lawn mowing on wild bee diversity (Hymenoptera, Apoidea). – Journal of Hymenoptera Research 49: 51–63.
  • Wintergerst, J. & M. Nuss 2020: Quantitative Erfassung von Insekten auf Schmetterlingswiesen. – Sächsische Entomologische Zeitschrift 10: 34–53.
  • Wintergerst, J., T. Kästner, M. Bartel, C. Schmidt & M. Nuss 2021: Partial mowing of urban lawns supports higher abundances and diversities of insects. – Journal of Insect Conservation 25: 797–808.

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